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Report 2005: Liebes Deutschland...
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...also, das war vielleicht eine ruppige Begrüßung von dir! "Rot!" hast du mir hinterhergequakt, als ich über die Straße ging und weit und breit kein Auto zu sehen war. Verachtest du noch immer jeden, der die Regeln nicht exakt auf Punkt, Komma und Ampelfarbe einhält? Genauso ätzte jedenfalls die tadelnde Passantenstimme, die du mir zur Begrüßung hinterherjagtest. Das hatte ich vergessen dürfen in Paris, wo ich bis Oktober drei Jahre lebte. Dort gibt man sich geschmeidiger als hier bei dir - nicht nur im Straßenverkehr. Ein wenig freier irgendwie.


von Handelsblatt.com-Jahreschronik

...also, das war vielleicht eine ruppige Begrüßung von dir! "Rot!" hast du mir hinterhergequakt, als ich über die Straße ging und weit und breit kein Auto zu sehen war. Verachtest du noch immer jeden, der die Regeln nicht exakt auf Punkt, Komma und Ampelfarbe einhält? Genauso ätzte jedenfalls die tadelnde Passantenstimme, die du mir zur Begrüßung hinterherjagtest. Das hatte ich vergessen dürfen in Paris, wo ich bis Oktober drei Jahre lebte. Dort gibt man sich geschmeidiger als hier bei dir - nicht nur im Straßenverkehr. Ein wenig freier irgendwie.

Nein, nein, lies nur weiter! Ich schreibe dir nicht, um bloß zu nörgeln, Genöle höre ich eh schon ge-nug hier bei dir. Ich wollte mich mal melden nach meinen ersten drei Monaten bei dir. Anrufen kann ich dich ja nicht. Hast du eigentlich E-Mail? Darum also auf diese altmodische Art. Ich hoffe, du siehst es mir nach. Denn du willst ja eigentlich moderner werden, Deutschland.

Gut gelaunt scheinst du nicht zu sein in diesen Tagen, und es ist wohl mehr als der übliche Jahresende- Blues. Der Wirtschaftsaufschwung droht schon wieder zu enden, der Euro steigt hoch und höher, die Staatskasse wird leer und leerer, und die Reformen zwicken dich im zu eng gewordenen Besitzstandssakko.

Zum Glück hat wenigstens Teamchef Jürgen Klinsmann deinen - nein: unseren! - Nationalkickern das Rumpeln ausgetrieben. WM 2006 in Deutschland! Endlich wieder Weltmeister!

Da bist du übrigens den Franzosen voraus. Die hat ihr Inspirator Zinedine Zidane - ein Einwanderersohn übrigens, der sein Land zum Welt- und Europameister machte - verlassen, und seitdem fehlt es Frankreich irgendwie an fußballerischem Optimismus. Aber wir! Unsere "Einwanderer" Kuranyi und Asamoah gewannen gegen Brasilien 1:1 - nur moralisch, aber immerhin.

Du siehst: Ich mag dich. Schließlich bin ich so deutsch wie du - jedenfalls genetisch. Ich lobe dich, wenn du es verdienst. In Frankreich wird das manchmal ein wenig übertrieben, das mit dem Selbstlob. Der Airbus ist französisch, das beste Essen ist französisch, Frankreichs Unternehmen sind "Europas" Champions.

Und wer lobt dich, Deutschland? Der Kanzler, klar. Dafür ist er nach Berlin gezogen, in das quadratische Weiße Haus, das du ihm ans Spreeufer gebaut hast. Indem er dich lobt, lobt er sich selbst. Kunststück. Und wer sonst sagt dir was Nettes? Die Opposition nicht, kann sie ja nicht, festgeklemmt im Rollendenken wie der Kanzlerkünstler, den sie beerben wollen muss. Die Unternehmen trotz Rekordgewinnen auch nur selten, sie fürchten schon wieder die nächste Flaute. Die Gewerkschaften verbeißen sich darin, dich möglichst wenig zu ändern. Sind wohl alles Formen von Berufskrankheiten.

Aber was mich wirklich grämt: Du scheinst es nicht einmal selbst zu wagen, dir auf die Schulter zu klopfen, wenn auch nur für einen kurzen Moment am Schluss dieses langen Jahres. Die durchnummerierten Reformen nach Hartz, Rürup und so weiter könntest du als Aufbruch verstehen. Könntest dich freuen auf das Neue, was sie bringen, anstatt nur ängstlich dem Alten nachzublicken, das sie zu Recht verschwinden lassen. Wäre nicht ein Eigenlob für Erreichtes der Beginn eines entkrampften Patriotismus? Wie auch immer ...

Mach’ dir nichts vor: Ganz so schlecht stehst du nicht da im Nachbarschaftsvergleich. Auch Frankreich hat ein Renten- und ein Gesundheits- und ein Abgaben- und ein Arbeitsmarktproblem. Auch dort ist das R-Wort, das sich außer mit einem neckischen Accent aigu (von unten links nach oben rechts, falls du das wie ich immer verwechselst) auf dem ersten e fast genauso schreibt wie hier, geadelt als Muss-Begriff: "Réforme". Zu Neuem bequemen mag sich dort aber noch kaum jemand. Dass das Wirtschaftswachstum Frankreichs seit zehn Jahren Quartal für Quartal höher ist als deins, wirkt trügerisch, weil es selbstzufrieden macht.

Du, Deutschland, du bist nicht zufrieden, nicht mehr. Und das ist gut so. Denn ich bin auch nicht zufrieden mit dir. Oft regst du mich sogar furchtbar auf! All die heruntergezogenen Mundwinkel, die mir auf der Straße, in der Bahn, selbst in der Kneipe entgegenleiden! Wie hältst du das bloß aus? Die Franzosen sind freundlicher: Gutgelaunten durch die eigene Miesepetrigkeit die Laune verderben, finden sie unverschämt. Ich auch. Ich würde deine hängenden Visagen am liebsten nach oben tackern und mit Pattex fixieren!

Vieles hast du dir angewöhnt in deinen 55 Lebensjahren, und das Abgewöhnen fällt dir so schwer wie einem Raucher das Paffen. Deine späte Heirat mit der DDR anno 1990 verlieh dir nur kurz Frühlingsgefühle. Dann brach wieder dein Provinzialismus durch, der deine Nachbarn immer wieder zum Staunen bringt.

An eine Episode muss ich dich da einfach erinnern: die Postbank. Weißt du noch? Privatisiert werden sollte sie, im Mai war das. Per Börsengang. Schöne Idee eigentlich. Doch auf einmal schienen deine Großkopfeten, namentlich Gerhard Schröder und Josef Ackermann (auch wenn der Schweizer ist), von einem akuten Nachdenkeschub erfasst zu werden. Könnte man nicht die Postbank verheiraten mit der Deutschen Bank, um dir, Deutschland, im internationalen Großbankenwettlauf einen Global Player zu schenken? Telefonate, Spekulationen, Dementis - Notbremsung.

Die Franzosen wunderten sich über dich. Strategisches Vorausplanen ist dort Nationalsport. Siehe die Pharma-Übernahme von Aventis durch Sanofi-Synthélabo, die dich so fuchste. Oder die Entstaatlichung des Bankensektors, die am Schluss den Crédit Lyonnais der Crédit Agricole einverleibte. Oft übertreiben sie es auch, die Franzosen, und die Phantasie geht mit ihnen durch. Aber sie denken eher zu groß als zu klein.

Das solltest du auch mal wieder probieren, liebes Deutschland. Du begnügst dich mit dem Korsett dei-ner Regeln: Das stabilisiert. Und dann wunderst du dich, wenn du deine Chancen verpasst: Postbank, Kündigungsschutz, Föderalismusreform. Manchmal riskierst du sogar deinen guten Ruf - denn den hast du noch immer, auch wenn mancher Mythos des "Made in Germany" Patina angesetzt hat über die Jahre.

Von P wie Postbank zu M wie Maut ... Oh weh, du rollst genervt die Augen! Deine Deutsche Telekom, Daimler-Chrysler, Weltkonzerne beide, plus deine Bundesregierung - und heraus kamen Pleiten und Pannen und jede Menge Waschweibergezanke. Oh je, liebes Deutschland, so blamiert habe ich dich nie erleben müssen in den Jahren, in denen ich dich von fern beobachtete!

Nah, fern, Fernsehen. Nun, da ich wieder da bin, kann ich auch wieder uneingeschränkt Anteil nehmen an deinem TV-Programm. Armes Deutschland! Klar: Fernsehen in den USA, wo ich auch mal länger lebte, ist für durchschnittliche Mitteleuropäer wie dich und mich eine permanente Attacke auf die Vernunft. Und Frankreich mit seinen 45-Minuten-Nachrichten ohne Nachrichten und seinen unzähligen Talkshows für die eingebildete Intelligenzija gibt sich alle Mühe, es dem Bruder jenseits des Atlantiks gleichzutun.

Und du, Deutschland? Du hast es immer seltener besser als Amerika oder Frankreich. Du hast zwar noch "Tagesschau" und "Heute Journal". Aber eben auch das Schönheitsoperationsgemetzel "The Swan" und die Robinson-Peinlichkeit "Ich bin ein Star, holt mich hier raus".

Und du bist das einzige Land, das ich kenne, das Bekanntes so sehr schätzt, dass es seine Talkshows, Benefizgalas und Fußballländerspiele von ein und demselben Typen moderieren lässt. Kerner heißt der Mann, Johannes Baptist Kerner. Oder nach dem Umschalten auch mal Jauch, Günther Jauch. Tut mir leid, aber ich bin überzeugt, dass es eine direkte Verbindung gibt zwischen dem Abrutschen deiner Schüler gen Abstiegsplatz beim Pisa- Ranking und dem Niveau deines Fernsehprogramms! (Ich guck’ jetzt oft BBC.)

Und sonst? Noch so manches war ein wenig holprig bei meiner Heim-kehr. So nahm mir deine resolute Mitarbeiterin vom Amt erst mal den Führerschein weg: Sie vertraute ih-rem Computer, und der behauptete, mein Lappen sei ungültig. Eine schlichte Plausibilitätsprüfung wurde verweigert. Roter Stempel auf rosa Papier, und ich war wieder Fußgänger! Beschweren konnte ich mich immerhin per E-Mail. Wegen des Dienststellenzickzacklaufs beanspruchte die Klärung vier Wochen, aber dann, liebes Deutschland, dann ging doch alles sehr schnell, und ich kriegte den schicken Euro-Führerschein! Danke dir.

Lappen gut, alles gut. Ach, Deutschland. Doch, ich habe dich vermisst in diesen Jahren. Deine Currywürste sind noch immer unübertroffen! Heimat ist eben Heimat. Wenn du dir nur die Schlüsselbänder, die aus jeder zweiten Hosentasche baumeln, und die Weihnachtsmannpuppen an jedem dritten Fenstersims verkneifen könntest.

Na ja, ich wollte ja nicht so viel meckern. Sorgen macht mir aber deine Ängstlichkeit. Du verzagst so leicht, wenn du etwas ändern musst. Und ändern musst du noch eine Menge: 2005, 2008, 2010 - und darüber hinaus. O.K., die Ampeln können ja bleiben. Aber stell’ sie doch einfach seltener auf Rot als auf Grün. Dann komme nicht nur ich schneller voran, sondern du auch.

Dein Christoph

  von Jerome
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