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J’apprends l’allemand
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Doro's Lesetipp: "J'apprends l'allemand" von Denis Lachaud
Denis Lachaud
J'apprends l'allemand
Actes Sud

 

Was tut man im Winter in der Picardie, wenn die Sonne den Wolken gänzlich das Feld überlassen hat? Ganz richtig: man liest oder stöbert in Buchhandlungen nach neuer Lektüre. Die kleine Buchhandlung am Marktplatz von Soissons ist schnell durchforscht. Der Roman von Denis Lachaud "J’apprends l’allemand" fällt mir aus zweierlei Gründen auf.

Der erste banale Grund: das Cover gefällt mir. Es zeigt die Silhouette eines jungen Mannes mit Engelsflügeln, der auf einem Stein sitzend in die weite Landschaft blickt. Die Haltung des Jungen ist nachdenklich und ein wenig melancholisch. Er wirkt träumerisch und sensibel, macht neugierig. Ein wenig erinnert das Bild an Wim Wenders Film Himmel über Berlin.
Der zweite Grund: natürlich der Titel "J’apprends l’allemand".
Wenn man in Frankreich lebt und sich täglich mit der französischen Grammatik herumschlägt, ist es möglicherweise ein Vergnügen, zu lesen, wie es jemandem mit der deutschen Sprache ergeht. So kaufte ich das Buch. Was ich dann las, hatte weniger mit deutscher Grammatik als mit deutscher Vergangenheitsbewältigung zu tun. Der Inhalt war dann auch weniger vergnüglich denn ernst und aufrührend.
Apropos Ernst. Ernst heisst die Hauptfigur des Buches. Er und sein älterer Bruder Max wachsen in den 70er Jahren in Paris auf. Ihre Eltern sind Deutsche, aber sie sprechen mit ihren Kindern nur Französisch.
Wenn es um ihre deutsche Herkunft geht, hüllen sie sich in Schweigen. Dass er Deutscher ist, bekommt Ernst seit der Grundschule durch die Reaktionen der Mitschüler zu spüren. Für sie ist er der Boche par excellence.
Ernst merkt, dass in seiner Familie etwas nicht stimmt. Er beginnt sich mehr und mehr mit seiner deutschen Herkunft auseinander zu setzen. Im Gegensatz zu seinem Bruder erlernt er in der Schule die deutsche Sprache.
Mit dreizehn Jahren bricht er zu einem Schüleraustausch in das benachbarte Saarland auf. In der Familie des Austauschschülers erfährt er große Gastfreundschaft und knüpft mit seinem deutschen Partner Rolf eine Freundschaft fürs Leben. Zum ersten Mal aber wird er auch mit der Nazivergangenheit Deutschlands konfrontiert. Während einer Einladung von Rolfs Großeltern gesteht ihm der Großvater in einer unbeobachteten Moment, dass er einmal ein KZ-Aufseher war. Als Ernst mit Rolf darüber spricht, bricht für diesen eine Welt zusammen. Die Schatten der Vergangenheit holen auch Rolfs intakte Familie ein.
Für Ernst ist diese erste Reise nach Deutschland nur der Auftakt zu einer akribischen Recherche. Was die anderen so beflissentlich verdrängen, holt er an die Oberfläche und setzt sich gegen den Widerstand seiner Umgebung damit auseinander.

Denis Lachaud erzählt in seinem Roman die Geschichte einer mutigen Identitätsfindung und holt dabei die Fragen einer ganzen Generation zurück. Ohne sich dabei zu ereifern oder moralisch zu werden, enthüllt er die aus der Verdrängung der Vergangenheit rührende Problematik der Kriegsgeneration.
Sorgfältig und manchmal ein wenig zu chronologisch breitet er Ernsts Kinder- und Jugendzeit vor uns aus. Seine Erzählweise hat fast protokollarischen Charakter und ist weit davon entfernt, ins Romaneske abzugleiten.
Dadurch fehlt es dem Roman manchmal ein wenig an Tiefe und Intensität. Der nüchterne Stil verleiht dem Buch jedoch seinen realistischen und aufklärenden Charakter. Immer wieder wechselt der Autor zwischen der Ich-Perspektive Ernsts und der Er-Perspektive, verrät dadurch sein Schwanken zwischen Nähe und Distanz zu seiner Hauptfigur.

In einem Interview erklärte Lachaud, dass er nicht speziell über die deutsche Vergangenheitbewältigung schreiben wollte.
Es wäre ihm um den Prozess der Bewältigung einer solchen Vergangenheit wie der der Deutschen im Allgemeinen gegangen. Diese Aussage hat mich ein wenig enttäuscht, da er damit die Thematik seines eigenen Romanes in ein unbestimmtes Allgemeines rückt und eine gewisse Gleichgültigkeit dem gegenüber zeigt, was gerade seine deutsche Hauptfigur so sehr bewegt.

" J’apprends l’allemand " ist Lachauds erster Roman und ist 1998 erstmals bei Actes Sud erschienen. Er wurde von der Kritik im Allgemeinen sehr positiv aufgenommen.


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  von dorothee
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